6. Tierbesuchsdienst

Im Nachfolgenden sollen ein paar Gedanken zum Aufbau eines Tierbesuchsdienstes festgehalten werden. Vorbereitend sind Gespräche mit der Einrichtung über Art und Umfang des Besuchsdienstes, den Einsatz der verschiedenen Tiere, Aufgabenverteilung, Umgang mit den Tieren und über technische Fragen wie Hygiene, Versicherung und Kosten notwendig. Es muss gemeinsam mit der Einrichtung erarbeitet werden, wie die Tierbesuche ablaufen sollen und was damit bezweckt werden soll. Ansprechpartner in der Einrichtung müssen festgelegt werden. In Abhängigkeit von den Wünschen der Einrichtung und dem zur Verfügung stehenden Personal müssen die Größe der Klientengruppe, Anzahl und Art der eingesetzten Tiere festgelegt werden.

 

Es bietet sich an, nach den vorbereitenden Gesprächen in einem zweiten Schritt das Personal durch Besuche auf dem eigenen Hof zu schulen und zur Teilnahme am Projekt zu motivieren. Ideal ist es, bei dem Pflegepersonal pro Station ein bis zwei Schwestern oder Pfleger für den Besuchsdienst zu begeistern und als feste Ansprechpartner zu haben. Diese können dann die Klienten begleiten, so dass während des Besuchs sowohl für die Tiere als auch für die Klienten Bezugspersonen vorhanden sind. Für Personal wie auch für Klienten muss Informationsmaterial über den Ablauf des Besuchs und den korrekten Umgang mit den Tieren bereit liegen, um gefährliche Situationen und gegebenenfalls Verletzungen zu vermeiden. Unsere Informationsblätter finden sich im Anhang.

 

Wichtig ist ebenfalls, im Voraus zu klären, wo die Tierbesuche stattfinden sollen. Für Katzen benötigt man z.B. abgeschlossene Räume und für größere Tiere wie Ponys und Schafe einen Garten oder Hof. Der Begegnungsraum muss groß genug sein, ausreichend Sitzgelegenheiten für die Bewohner, Platz für Rollstühle und ggf. eine Hochebene zur Präsentation der Tiere müssen sichergestellt sein. In diesem Zusammenhang ist auch wichtig, die sanitären und hygienischen Fragen zu klären, z.B. auch die Bereitstellung von Wasser für die Tiere und die Entsorgung von Mist. Ein Hygieneplan zum Infektionsschutz findet sich im Anhang.

 

Für einen Tierbesuchsdienst eignen sich besonders kleinere, gut zu transportierende Tiere. Hierzu gehören Kaninchen und Meerschweinchen, Katzen und Hunde. Sie müssen an die Transportboxen gewöhnt und selbstverständlich für die tiergestützte Arbeit ausgebildet sein (siehe Punkt 4.). Wegen ihrer geringen Größe, der Attraktivität und der Friedlichkeit eignet sich auch das Pony Jella gut für einen Tierbesuchsdienst. Größere Tiere wie Ponys, Schafe etc. müssen natürlich an die Fahrt im Hänger gewöhnt sein.

 

Ziel ist die möglichst freiwillige, nicht fremdbestimmte Kontaktaufnahme zwischen Mensch und Tier. Es sollen möglichst alle Sinne angesprochen werden, also Betrachtung der Tiere (Sehen), Wahrnehmen ihrer Lautäußerungen (Hören), Spüren der Wärme und der weichen Fellstruktur (Tasten). Der Eigengeruch (Riechen) der Tiere darf wahrnehmbar, sollte aber nicht unangenehm sein. Die Klienten sollen zu Aktivität und Kontaktaufnahme angeregt werden, eine angenehme Zeit mit dem Tier verleben und Gesprächstoff sowie eine Tages- bzw. Wochenstrukturierung haben.

 

Ein freilaufender Hund oder eine zum Spielen einladende Katze regen zu Aktivität, Beobachtung und kürzeren Interaktionen an. Auf das Anfüttern mit Leckerlis und das Vorzeigen von Kunststückchen sollte nach Möglichkeit verzichtet werden, weil dadurch eher Hektik und eine Konkurrenzsituation entstehen. Befriedigender für beide Seiten sind eine längere Streicheleinheit, die schnurrende Katze auf dem Schoß oder der Hund, der sich einem zufrieden zu den Füßen niederlegt. Beim Spiel mit Hund oder Katze, das für aktivere Klienten sehr angenehm sein kann, ist eine Überwachung durch die Bezugsperson des Tieres dringend notwendig, um Verletzungen durch Leichtsinn oder im Überschwang des Spiels zu vermeiden. Bewährt hat sich in diesem Zusammenhang die „Katzenangel“: An einem Stock

ist mit einer festen Schnur ein kleines Spielzeug oder ein buntes Büschel Fäden befestigt, hinter dem die Katze her jagt. Hierdurch sind die Krallen der Katze vom Klienten ausreichend weit entfernt, die Angel dient als Brücke für den Kontakt.

 

Wichtig ist die Beachtung derjenigen, die vom freilaufenden Tier „verschmäht“ werden. Können sie mit der Situation umgehen und sind mit dem Beobachten zufrieden, oder benötigen sie anderweitige Aufmerksamkeit und ein „eigenes“ Tier?

 

Kleintiere werden im Gehege bei ihrem artgerechten Verhalten beobachtet. Mobilere und kognitiv leistungsfähigere Klienten können in die Gestaltung des Geheges mit einbezogen werden, ggf. sogar mit kleineren Aufgaben für die Vorbereitung des nächsten Besuchs, wie Sammeln von Ästen, Blättern und Kräutern. Allen Klienten werden die Tiere nach Wunsch präsentiert und können auf dem Schoß beobachtet, gestreichelt und gefüttert werden.

 

Es ist wichtig, mehr Tiere als Klienten dabei zu haben, um notfalls bei Unverträglichkeit oder Überlastung auf ein „Reservetier“ ausweichen zu können. Neue Tiere können die Besuchssituation aus der Sicherheit des mobilen Geheges zunächst einmal kennen lernen, ohne gleich mitarbeiten zu müssen.

 

Dass die Tiere der gemischten Gruppe aneinander gewöhnt sind und sich nicht als Beute bzw. als Konkurrenten betrachten, ist eine selbstverständliche Notwendigkeit.

 

Zusätzlich zu den Tieren werden folgende Ausrüstungsgegenstände benötigt:

 

Für Kleintiere: Ausreichend Transportboxen, eine Plane zum Schutz des Fußbodens, ein oder mehrere mobile Gehege als Ruhe- und Rückzugsräume, Heu und Stroh für die Ausstattung des Geheges, Trinknäpfe, gegebenenfalls Wasser, falls es von der Einrichtung nicht gestellt wird, Frischfutter zum Füttern auf dem Schoß (Äpfel, Möhren, Löwenzahn, Salat, Gurke, etc.), Handtücher als Kleider- bzw. Bettschutz, Babybürste zur Fellpflege bzw. als Brücke zur ersten Kontaktaufnahme, Besen und Kehrblech und ein großer, gut verschließbarer Eimer für Abfälle, falls diese nicht in der Einrichtung entsorgt werden können.

 

Für Katzen: Pro Katze eine Transportbox, Katzengeschirr mit Leine, Spielzeug wie kleine Bälle oder Bänder, Trinknapf, gegebenenfalls Wasser, Leckerlis, eine verschließbare Katzentoilette. Idealerweise nutzen die Katzen die Transportbox auch als Rückzugsraum und haben gelernt, die Toilette in jeder räumlichen Umgebung zu erkennen und zu nutzen.

 

Für Hunde: Pro Hund eine Transportbox, Leine und Halsband bzw. Geschirr, Trinknapf gegebenenfalls Wasser, Leckerlis, eine Decke als Ruhe- Rückzugsplatz, Hundkotbeutel.

 

Für Pferde und andere Großtiere: Stallhalfter, Führstrick, gegebenenfalls auch Knotenhalfter für Bodenarbeit, Putzzeug, Wassereimer, ggf. Wasser, Leckerlis, Bollensammler, ein verschließbarer Eimer für Mist. (Anmerkung: Nach unserer Erfahrung wird der Mist von Pferden erstaunlich oft gern in der Einrichtung behalten und zum Düngen von Blumenbeeten verwendet, deren Blütenpracht in der Zeit zwischen den Tierbesuchen den Bewohnern als Erinnerung dient.)

 

Immer vorhanden sei sollten eine Notfallapotheke mit Verbandsmitteln zur Desinfektion und Versorgung kleinerer Wunden, Taschenlampen und Warnwesten, falls im Dunkeln Tiere verladen werden müssen, sowie ausreichend Decken. Dass sich alle Ausrüstungsgegenstände in guten, sauberen und gepflegten Zustand befinden müssen, ist selbstverständlich.

Am Tag des Besuchs müssen die Tiere auf den Einsatz vorbereitet werden. Dies bedeutet neben dem üblichen Gesundheitscheck auch Abklärung, ob das Tier zum Einsatz bereit und motiviert ist, und eine ausreichende Körperpflege. Idealerweise sollte das Tier vor dem Einsatz die Möglichkeit haben zu spielen, sich ausreichend zu bewegen und sich zu lösen. Dazu bieten sich  z. B. der Spaziergang mit dem Hund zum Einsatz oder der vorherige Weidegang eines Pferdes an. Am Einsatzort sollten die Tiere vor Eintreffen der Klienten ausreichend Zeit haben, sich vom Transport zu erholen und an die neue Umgebung zu gewöhnen. Diese Zeit kann gleichzeitig dazu genutzt werden, sich beim Personal über etwaige Besonderheiten, z.B. die Tagesform der Klienten, zu informieren. Eine immer wiederkehrende Routine kann dafür sorgen, dass die Tiere ihren Einsatz entspannter mitmachen.

 

Zur Auswahl der Klienten: Oberste Voraussetzung ist, dass der Klient den Tierkontakt ausdrücklich wünscht. Er darf nicht zum Kontakt mit einem ihm unangenehmen oder unheimlichen Tier angehalten werden, es sei denn, er möchte es explizit, z.B. im Rahmen der Behandlung einer Tierphobie. Die Privatsphäre muss geachtet werden. Gerade bei Bettlägerigen ist das Bett der einzig verbliebene persönliche Bereich, auf dessen Unversehrtheit der Klient Anspruch hat, und dessen „Betreten“ durch ein Tier nur erfolgen darf, wenn er es wirklich will. Hier sind gute Menschenkenntnisse und ein enger Kontakt zum Pflegepersonal notwendig, um Übergriffe zu vermeiden.

 

Außerdem dürfen keine medizinischen Gründe gegen einen Tierkontakt sprechen. So sind z.B. eine schwere Tierhaarallergie oder schwere Immundefekte eine Kontraindikation. Bei leichteren Allergien bzw. Immundefekten kann nach Absprache mit dem behandelnden Arzt ein Kontakt im Freien möglich sein, weil durch die Frischluft Allergene bzw. Keime in ihrer Konzentration reduziert werden. Der Klient darf mit dem Tierkontakt nicht körperlich oder geistig überfordert werden, sondern soll ihn genießen und als Bereicherung seines Alltags empfinden.

 

Nach dem Tierbesuch und nach dem Versorgen der Tiere im heimischen Stall ist eine Nachbereitung notwendig. Dazu gehörten z.B. eine Dokumentation der Abläufe beim Besuch und der Reaktionen von Tieren und Klienten, Gedanken über passende und nicht passende Mensch-Tier-Paarungen, eine Planung weiterer Tierbesuche und eine Rückkopplung mit Pflege- bzw. Betreuungspersonal, Klienten und deren Familien zur Nachbereitung dieses und Vorbereitung des nächsten Besuchs. Je gründlicher diese Nachbereitung gerade zu Anfang der Arbeit durchgeführt wird, desto besser und reibungsloser werden die Abläufe und desto effektiver und entspannter der Besuch für alle Teilnehmenden.

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