3. Kinder und Tiere

 

Wie unter Punkt 2. ausgeführt, gibt es viele verschiedene Theorien, warum sich Menschen von Tieren angezogen fühlen. Den Theorien gemeinsam ist, dass die Beziehung zum Tier eine einzigartige Qualität hat, die in anderen Beziehungen nicht zum Tragen kommt, und die die Wahrnehmungs- und Erlebensfähigkeit steigern. Tiere werten nicht, Tiere erwarten auch keine bestimmten Leistungen, bevor sie Aufmerksamkeit und Zuwendung schenken, Tiere leben und genießen ganz im Hier und Jetzt. In ihrem Buch führt Irvine ausführlich aus, wie wichtig Tiere sind, die eigene Identität im Alltag zu finden und ein reiches subjektives Selbstempfinden zu entwickeln. Außerdem erleichtern Tiere die sozialen Kontakte der Menschen untereinander und können somit die Fähigkeiten für Interaktion fördern. Insgesamt tragen Tiere also entscheidend dazu bei, die Identität als Mensch zu gestalten.

 

Beetz betont die Notwendigkeit einer Integration von Kognition und Emotion für eine gut funktionierende Persönlichkeit. Diese Integration wird durch Beziehung zu Tieren gefördert. Ein so entstehendes, sicheres, inneres Arbeitsmodell über sich und die Beziehung zu Tieren kann emotionale und soziale Kompetenzen fördern und therapeutisch auch als Grundlage zur Bildung neuer innerer Arbeitsmodelle über Beziehungen zu anderen Menschen dienen.

 

Über die Versorgung eines eigenen Tieres, sei es zunächst nur hilfsweise in geringem Umfang, sei es in höherem Alter selbstständig, können Kinder Selbstvertrauen, soziale Anerkennung und ein positives Selbstwerterleben aufbauen. Sie entwickeln eine größere Empathie auch gegenüber ihren Mitmenschen. Tiere können in Krisensituationen emotionale und soziale Unterstützung geben und den Aufbau sozialer Kontakte erleichtern. Außerdem fördern Tiere die Konzentrations- und damit die Lernfähigkeit von Kindern (Endenburg).

 

Darüber hinaus können Tiere gezielt mit einem pädagogischen Hintergrund eingesetzt werden, z.B. zur Schulung der Sinneswahrnehmungen, des Denk- und Urteilsvermögens, sowie für das soziale Lernen. Auch können viele Wissensinhalte über den Lebensraum Natur anhand des Umgangs mit einem Tier lebendiger und anschaulicher dargestellt werden (Otterstedt).

 

Fehlentwicklungen in der Kindheit oder auch psychische Erkrankungen finden ihren Niederschlag in typischen Interaktionsmustern mit Tieren, wie Prothmann in ihrer Dissertation zeigen konnte. Umgekehrt können dann auch Interaktionen mit Tieren dazu geeignet sein, pathologische Verhaltensmuster wieder aufzulösen.

 

Der Forschungskreis Heimtiere in der Gesellschaft, Vorsitzender Prof. Bergler, Nürnberg, hat unter dem Stichpunkt „Kinder brauchen Tiere“ Ergebnisse zur Wirkung von Tieren auf Kinder zusammengetragen: Viele der Dinge, mit denen wir unsere Kinder heute umgeben, sind nicht lebendig. Z.B. erzeugen Fernsehen, Computer  und Videospiele nur eine Scheinwelt ohne wirklich Interaktion. Daher brauchen Kinder auch Tiere in ihrem Umfeld, als Sozialpartner und ganz einfach auch für das Gefühl, von jemand erwartet und gebraucht zu werden. Viele der Probleme, die Kinder heutzutage entwickeln, besonders im sozialen Bereich, können mit Hilfe von Tieren kompensiert werden. Tiere haben ein ausgeprägtes Sozialverhalten, zeigen viel Einfühlsamkeit, sind aber kein Spielzeug, sondern eigenständige Wesen, die respektiert werden müssen. Sie helfen bei der Entwicklung von Stärke, Ruhe, Überlegen, Planung, Geduld, Liebe, Konsequenz und Toleranz.

 

Es ist wichtig, die Kind-Tier-Paarung gut zu wählen, damit weder Kind noch Tier in der Interaktion überfordert sind. Passen die Tiere, dann empfinden die Kinder Freude und Glücksgefühl beim Umgang mit ihrem Tier. Die Kommunikation mit dem Tier geht natürlich nicht über die menschliche Sprache, trotzdem kann ein Tier uns viel sagen. Es freut sich z.B., wenn man mit ihm spricht, und antwortet über seine Körpersprache. Diese kann das Kind erlernen und so seine Fähigkeit zur nonverbalen Kommunikation schulen. Die Kinder werden angeregt, Initiative zu ergreifen und Verantwortung für das Tier zu übernehmen. Sie erleben die Einheit mit der Natur über den Kontakt zu Pflanzen und Tieren und dadurch eine positive Bewusstseinserweiterung.

 

Prothmann hat sich mit der Frage, warum Kinder Tiere brauchen, im Rahmen der tiergestützten Therapie mit kommunikationsbeeinträchtigten Menschen auseinandergesetzt:

Kinder leben heute in zunehmender Vereinsamung. Etwa 17% der Kinder leben in nichtintakten Familien, mehr als 1/3 aller Kinder wächst ohne Geschwister auf. 1,5 Millionen Kinder leben in Armut. Die Kernfamilien sind zunehmend veränderlich. Bei allen diesen Phänomenen ist die Tendenz steigend bis stark steigend.

 

Durch wiederholte Umzüge verlieren Kinder ihre sozialen Beziehungen. Tiere können in diesem Zusammenhang ein sozialer Halt sein. Sie können Spielgefährten, Freunde, Beschützer und Spaßmacher sein. Sie bieten Zärtlichkeit, Geselligkeit, Schönheit, aber auch Kraft und Eindruck, können zum Teil imponierende Persönlichkeiten sein. Sie sprechen tiefliegende Wünsche und Bedürfnisse des Kindes an und stehen so im Mittelpunkt der Lieblingswelt der Kinder.

 

Umfragen an kinderpsychiatrischen Kliniken ergaben, dass mindestens 40% aller kinderpsychiatrischen Kliniken Tiere in Therapieprozesse integrieren. Dies geschieht meist in der Form tiergestützter Therapie, vorwiegend in der Physiotherapie. Es wurden dementsprechend fast überwiegend Pferde eingesetzt. Die allgemeine Wirksamkeit wurde in der Globaleinschätzung  zu über 98% als mittel- bis hochgradig angegeben.

 

Eigentlich alle Kinder lieben Tiere. Was man aber nicht kennt, das kann man auch nicht lieben. Nicht jede Familie hat die Möglichkeit, sich ein Haustier zu halten. Daher müssen Möglichkeiten gesucht werden, um Kind-Tier-Kontakte zu schaffen. Diese Kontakte gehen weit über die Information, dass Milch aus der Kuh kommt und eine Kuh nicht lila ist, hinaus. Tiere sind wertvolle „Erziehungshelfer“. Wichtig ist dabei, dass Kinder meist bis zum dritten Lebensjahr Tiere als eigenständige und gleichberechtigte Lebewesen empfinden. Werden diese Gefühle gefördert und bestärkt, so bleiben sie auch im späteren Leben bestehen.

 

Zusammenfassend bringt der Kontakt mit Tieren Zuwendung, Liebe, norm- und wertfreie Anerkennung, Spaß und Spiel. Die Selbstwahrnehmung, sowohl der eigenen Gefühle, als auch des Körpers, wird gefördert, aber auch die Außenwahrnehmung über die Beobachtung der Körpersprache des Tieres und der Natur. Anpassung, soziales und altruistisches Verhalten und Verantwortungsgefühl werden gestärkt. Das Selbstwertgefühl erhält entscheidende positive Impulse durch die Erfahrung, sich um das Tier kümmern und gemeinsam mit anderen etwas unternehmen zu können. Konzentration und Kooperationsfähigkeit werden geschult.

 

Somit ergibt sich ein ganzes Kaleidoskop hilfreicher Tiereffekte: Die Bandbreite reicht von unmittelbar körperlich fassbaren Wirkungen wie Blutdrucksenkung, Muskelentspannung, Freisetzung von Endorphinen und Oxytocin über Verhaltensänderungen, z.B. durch vermehrte körperliche Bewegung und Tagesstrukturierung, bis hin zu komplexen psychosozialen Effekten: Verbesserung von Kognition und Konzentrationsfähigkeit, Förderung des Wohlbefindens, Steigerung von Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein, Erfahrung von Kontrolle und Selbstwirksamkeit, Angstreduktion durch Förderung von Selbstsicherheit und Stressreduktion, soziale Kontaktaufnahme und Integration, Regression, Entlastung, körperliche Wärme und Nähe, sowie Aggressionsverringerung. Darüber hinaus können Tiere klar umrissene Aufgaben z.B. als Behindertenbegleithund übernehmen (modifiziert nach Otterstedt).

 

Hinsichtlich der körperlich fassbaren Veränderungen ist die Freisetzung von Oxytocin besonders interessant:  Dieses Neuropeptid wird im Hypothalamus produziert und in der Hypophyse freigesetzt bei Reizung der Genitalorgane, deren Dehnung unter der Geburt, den Saugakt sowie verschiedene andere Reize, z.B. auch beim Streicheln eines Hundes. Die wesentlichen Wirkungen sind die Milchejektion sowie die Kontraktion des Uterus, dementsprechend wird es in der Geburtshilfe eingesetzt  zur Geburtseinleitung, bei Wehenschwäche, bei Uterusatonie und Laktationsschwierigkeiten (Pschyrembel). Darüber hinaus hat Oxytocin aber auch noch Wirkungen im zwischenmenschlichen Bereich,  z.B. ist es für das Bonding zwischen Mutter und Neugeborenem wichtig. Aber auch auf Beziehungen zwischen Erwachsenen zeigt es Wirkungen, so sind z.B. unter Oxytocin der Kommunikationsstil bei Paarkonflikten positiver und der Kortisolspiegel im Speichel niedriger (Ditzen). Hier scheint sich eine mögliche Erklärung für die positiven Effekte schon der reinen Anwesenheit von Tieren z.B. als Klassenhund anzudeuten.

 

Es muss unterschieden werden zwischen tiergestützter Aktivität, Therapie und Pädagogik. In der tiergestützten Pädagogik werden durch speziell weitergebildete Pädagogen, z.B. Lehrer, Erzieher, etc., Wissensinhalte, Fähigkeiten und Fertigkeiten mit Hilfe von Tieren vermittelt. Vieles kann auf diese Weise wesentlich besser und anschaulicher den lernenden Kindern und Erwachsenen nahe gebracht werden. Der Einsatz von Tieren ermöglicht oder vereinfacht soziales, emotionales und kognitives Lernen. Die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen, aber auch von Erwachsenen kann gefördert werden. Dass Lernen am besten durch eine Verknüpfung möglichst vieler Sinnesmodalitäten und in Verbindung mit emotionaler Beteiligung stattfindet, ist allgemein bekannt. Darüber hinaus fördert schon allein die Anwesenheit von Tieren Konzentration, Aufmerksamkeit und Lernfähigkeit, wie oben ausgeführt.

 

Bei der tiergestützten Therapie werden Tiere mit einer festgesetzten Aufgabe zu einem bestimmten Zweck in eine medizinisch notwendige Therapie integriert, um ein zuvor festgelegtes Therapieziel zu erreichen. Dies kann z.B. Erhalt oder Verbesserung sensorischer und motorischer Fähigkeiten in der Physiotherapie und Ergotherapie sein, oder auch die Selbsterfahrung in der Psychotherapie, um nur zwei vollkommen gegensätzliche Einsatzmöglichkeiten zu nennen. Einsätze sind auch im palliativen Bereich, z.B. bei der

 

 

Behandlung chronischer Schmerzsyndrome oder der Begleitung Sterbender möglich. Manchmal sind Aufbau und Aufrechterhaltung therapeutischer Beziehungen bei schwer beeinträchtigen Patienten, z.B. Menschen mit Autismus oder Borderline-Persönlichkeit, und die Motivation zur Teilnahme an anstrengenden oder schmerzhaften Therapiemaßnahmen nur durch Tiere zu erreichen. Durchgeführt wird die tiergestützte Therapie durch Therapeuten, die eine entsprechende Weiterbildung absolviert haben, z.B. der Physiotherapeut zum Hippotherapeuten.

 

Tiergestützte Aktivitäten haben kein spezifisches pädagogisches oder therapeutisches Ziel. Es geht viel mehr um eine allgemeine Verbesserung von Aktivität, Lebensqualität und Ähnlichem, wie z.B. bei einem Tierbesuchsdienst in einem Seniorenheim. Die oben angegebenen positiven Effekte der Begegnung mit dem Tier stellten sich natürlich dennoch ein. Dass man sich über den Einsatz von Tieren weitergebildet hat, sollte auch bei tiergestützten Aktivitäten eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, eine pädagogische oder therapeutische Ausbildung ist aber nicht Voraussetzung.

 

Bevor man eine tiergestützte Arbeit beginnt, sollte eine Schnupperstunde angeboten werden. Nicht nur, dass sich viele Dinge leichter erleben als erklären lassen, eine solche Stunde kann auch als vertrauensbildende Maßnahme genutzt werden. Eltern und Kinder bzw. auch erwachsene Klienten können sich das Geschehen erst einmal aus der Distanz ansehen, die Abläufe kennen lernen und ihre eigenen Reaktionen darauf wahrnehmen, bevor sie eine endgültige Entscheidung für oder gegen eine solche Maßnahme treffen. Aus eigener Erfahrung tut eine derartige Stunde auch den Klienten, denen zugeschaut wird, gut. Sie können über ihre bisherigen Fortschritte berichten und ihr Können zeigen und somit ihre eigenen, neu erworbenen Kompetenzen bewusst erleben.

 

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