Wie unter Punkt 2. ausgeführt, gibt es viele verschiedene Theorien, warum sich Menschen von Tieren angezogen fühlen. Den Theorien gemeinsam ist, dass die Beziehung zum Tier eine einzigartige Qualität hat, die in anderen Beziehungen nicht zum Tragen kommt, und die die Wahrnehmungs- und Erlebensfähigkeit steigern. Tiere werten nicht, Tiere erwarten auch keine bestimmten Leistungen, bevor sie Aufmerksamkeit und Zuwendung schenken, Tiere leben und genießen ganz im Hier und Jetzt. In ihrem Buch führt Irvine ausführlich aus, wie wichtig Tiere sind, die eigene Identität im Alltag zu finden und ein reiches subjektives Selbstempfinden zu entwickeln. Außerdem erleichtern Tiere die sozialen Kontakte der Menschen untereinander und können somit die Fähigkeiten für Interaktion fördern. Insgesamt tragen Tiere also entscheidend dazu bei, die Identität als Mensch zu gestalten.
Beetz
betont die Notwendigkeit einer Integration von Kognition und Emotion für eine
gut funktionierende Persönlichkeit. Diese Integration wird durch Beziehung zu
Tieren gefördert. Ein so entstehendes, sicheres, inneres Arbeitsmodell über
sich und die Beziehung zu Tieren kann emotionale und soziale Kompetenzen fördern
und therapeutisch auch als Grundlage zur Bildung neuer innerer Arbeitsmodelle über
Beziehungen zu anderen Menschen dienen.
Über
die Versorgung eines eigenen Tieres, sei es zunächst nur hilfsweise in geringem
Umfang, sei es in höherem Alter selbstständig, können Kinder Selbstvertrauen,
soziale Anerkennung und ein positives Selbstwerterleben aufbauen. Sie entwickeln
eine größere Empathie auch gegenüber ihren Mitmenschen. Tiere können in
Krisensituationen emotionale und soziale Unterstützung geben und den Aufbau
sozialer Kontakte erleichtern. Außerdem fördern Tiere die Konzentrations- und
damit die Lernfähigkeit von Kindern (Endenburg).
Darüber
hinaus können Tiere gezielt mit einem pädagogischen Hintergrund eingesetzt
werden, z.B. zur Schulung der Sinneswahrnehmungen, des Denk- und Urteilsvermögens,
sowie für das soziale Lernen. Auch können viele Wissensinhalte über den
Lebensraum Natur anhand des Umgangs mit einem Tier lebendiger und anschaulicher
dargestellt werden (Otterstedt).
Fehlentwicklungen
in der Kindheit oder auch psychische Erkrankungen finden ihren Niederschlag in
typischen Interaktionsmustern mit Tieren, wie Prothmann in ihrer Dissertation
zeigen konnte. Umgekehrt können dann auch Interaktionen mit Tieren dazu
geeignet sein, pathologische Verhaltensmuster wieder aufzulösen.
Der
Forschungskreis Heimtiere in der Gesellschaft, Vorsitzender Prof. Bergler, Nürnberg,
hat unter dem Stichpunkt „Kinder brauchen Tiere“ Ergebnisse zur Wirkung von
Tieren auf Kinder zusammengetragen: Viele der Dinge, mit denen wir unsere Kinder
heute umgeben, sind nicht lebendig. Z.B. erzeugen Fernsehen, Computer
und Videospiele nur eine Scheinwelt ohne wirklich Interaktion. Daher
brauchen Kinder auch Tiere in ihrem Umfeld, als Sozialpartner und ganz einfach
auch für das Gefühl, von jemand erwartet und gebraucht zu werden. Viele der
Probleme, die Kinder heutzutage entwickeln, besonders im sozialen Bereich, können
mit Hilfe von Tieren kompensiert werden. Tiere haben ein ausgeprägtes
Sozialverhalten, zeigen viel Einfühlsamkeit, sind aber kein Spielzeug, sondern
eigenständige Wesen,
die respektiert werden müssen. Sie helfen bei der Entwicklung von Stärke,
Ruhe, Überlegen, Planung, Geduld, Liebe, Konsequenz und Toleranz.
Es
ist wichtig, die Kind-Tier-Paarung gut zu wählen, damit weder Kind noch Tier in
der Interaktion überfordert sind. Passen die Tiere, dann empfinden die Kinder
Freude und Glücksgefühl beim Umgang mit ihrem Tier. Die Kommunikation mit dem
Tier geht natürlich nicht über die menschliche Sprache, trotzdem kann ein Tier
uns viel sagen. Es freut sich z.B., wenn man mit ihm spricht, und antwortet über
seine Körpersprache. Diese kann das Kind erlernen und so seine Fähigkeit zur
nonverbalen Kommunikation schulen. Die Kinder werden angeregt, Initiative zu
ergreifen und Verantwortung für das Tier zu übernehmen. Sie erleben die
Einheit mit der Natur über den Kontakt zu Pflanzen und Tieren und dadurch eine
positive Bewusstseinserweiterung.
Durch
wiederholte Umzüge verlieren Kinder ihre sozialen Beziehungen. Tiere können in
diesem Zusammenhang ein sozialer Halt sein. Sie können Spielgefährten,
Freunde, Beschützer und Spaßmacher sein. Sie bieten Zärtlichkeit,
Geselligkeit, Schönheit, aber auch Kraft und Eindruck, können zum Teil
imponierende Persönlichkeiten sein. Sie sprechen tiefliegende Wünsche und Bedürfnisse
des Kindes an und stehen so im Mittelpunkt der Lieblingswelt der Kinder.
Umfragen
an kinderpsychiatrischen Kliniken ergaben, dass mindestens 40% aller
kinderpsychiatrischen Kliniken Tiere in Therapieprozesse integrieren. Dies
geschieht meist in der Form tiergestützter Therapie, vorwiegend in der
Physiotherapie. Es wurden dementsprechend fast überwiegend Pferde eingesetzt.
Die allgemeine Wirksamkeit wurde in der Globaleinschätzung
zu über 98% als mittel- bis hochgradig angegeben.
Eigentlich
alle Kinder lieben Tiere. Was man aber nicht kennt, das kann man auch nicht
lieben. Nicht jede Familie hat die Möglichkeit, sich ein Haustier zu halten.
Daher müssen Möglichkeiten gesucht werden, um Kind-Tier-Kontakte zu schaffen.
Diese Kontakte gehen weit über die Information, dass Milch aus der Kuh kommt
und eine Kuh nicht lila ist, hinaus. Tiere sind wertvolle
„Erziehungshelfer“. Wichtig ist dabei, dass Kinder meist bis zum dritten
Lebensjahr Tiere als eigenständige und gleichberechtigte Lebewesen empfinden.
Werden diese Gefühle gefördert und bestärkt, so bleiben sie auch im späteren
Leben bestehen.
Somit
ergibt sich ein ganzes Kaleidoskop hilfreicher Tiereffekte: Die Bandbreite
reicht von unmittelbar körperlich fassbaren Wirkungen wie Blutdrucksenkung,
Muskelentspannung, Freisetzung von Endorphinen und Oxytocin über Verhaltensänderungen,
z.B. durch vermehrte körperliche Bewegung und Tagesstrukturierung, bis hin zu
komplexen psychosozialen Effekten: Verbesserung von Kognition und
Konzentrationsfähigkeit, Förderung des Wohlbefindens, Steigerung von
Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein, Erfahrung von Kontrolle und
Selbstwirksamkeit, Angstreduktion durch Förderung von Selbstsicherheit und
Stressreduktion, soziale Kontaktaufnahme und Integration, Regression,
Entlastung, körperliche Wärme und Nähe, sowie Aggressionsverringerung. Darüber
hinaus können Tiere klar umrissene Aufgaben z.B. als Behindertenbegleithund übernehmen
(modifiziert nach Otterstedt).
Hinsichtlich
der körperlich fassbaren Veränderungen ist die Freisetzung von Oxytocin
besonders interessant: Dieses
Neuropeptid wird im Hypothalamus produziert und in der Hypophyse freigesetzt bei
Reizung der Genitalorgane, deren Dehnung unter der Geburt, den Saugakt sowie
verschiedene andere Reize, z.B. auch beim Streicheln eines Hundes. Die
wesentlichen Wirkungen sind die Milchejektion sowie die Kontraktion des Uterus,
dementsprechend wird es in der Geburtshilfe eingesetzt
zur Geburtseinleitung, bei Wehenschwäche, bei Uterusatonie und
Laktationsschwierigkeiten (Pschyrembel). Darüber hinaus hat Oxytocin aber auch
noch Wirkungen im zwischenmenschlichen Bereich,
z.B. ist es für das Bonding zwischen Mutter und Neugeborenem wichtig.
Aber auch auf Beziehungen zwischen Erwachsenen zeigt es Wirkungen, so sind z.B.
unter Oxytocin der Kommunikationsstil bei Paarkonflikten positiver und der
Kortisolspiegel im Speichel niedriger (Ditzen). Hier scheint sich eine mögliche
Erklärung für die positiven Effekte schon der reinen Anwesenheit von Tieren
z.B. als Klassenhund anzudeuten.
Es
muss unterschieden werden zwischen tiergestützter Aktivität, Therapie und Pädagogik.
In der tiergestützten Pädagogik werden durch speziell weitergebildete Pädagogen,
z.B. Lehrer, Erzieher, etc., Wissensinhalte, Fähigkeiten und Fertigkeiten mit
Hilfe von Tieren vermittelt. Vieles kann auf diese Weise wesentlich besser und
anschaulicher den lernenden Kindern und Erwachsenen nahe gebracht werden. Der
Einsatz von Tieren ermöglicht oder vereinfacht soziales, emotionales und
kognitives Lernen. Die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen, aber auch von
Erwachsenen kann gefördert werden. Dass Lernen am besten durch eine Verknüpfung
möglichst vieler Sinnesmodalitäten und in Verbindung mit emotionaler
Beteiligung stattfindet, ist allgemein bekannt. Darüber hinaus fördert schon
allein die Anwesenheit von Tieren Konzentration, Aufmerksamkeit und Lernfähigkeit,
wie oben ausgeführt.
Bei
der tiergestützten Therapie werden Tiere mit einer festgesetzten Aufgabe zu
einem bestimmten Zweck in eine medizinisch notwendige Therapie integriert, um
ein zuvor festgelegtes Therapieziel zu erreichen. Dies kann z.B. Erhalt oder
Verbesserung sensorischer und motorischer Fähigkeiten in der Physiotherapie und
Ergotherapie sein, oder auch die Selbsterfahrung in der Psychotherapie, um nur
zwei vollkommen gegensätzliche Einsatzmöglichkeiten zu nennen. Einsätze sind
auch im palliativen Bereich, z.B. bei der
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